Plötzlich war ich Blogvater! Ein satirischer Rückblick…

Blicke ich auf die ersten Tage meines privaten Blogs zurück, so war das ein einmaliger Augenblick.

Voll Spannung und Aufgeregtheit und in einer Unbefangenheit, der so nicht wieder gekommen ist.

Das fängt schon bei der Wahl der Domain an. Da es sich um einen privaten Blog handelt ist es nicht wichtig, einen Top-Domainnamen zu finden.

Es soll ein Name sein, der einen selbst wieder spiegelt. Es ist eine Taufe mit Eintragung ins Namensregister.

So jedenfalls habe ich es gesehen. Ein Theme ausgewählt, ein Bild als Logo, das einen Identifikation geben soll rundete den Erstauftritt ab.

Es kam der Geburtstagtag, das erste zaghafte „Hier bin ich“ wurde in die weite Welt geschrieben. Gespannt sitzt man vor dem Monitor und sieht sich sein Werk an. Stolz und erfüllt über das eigene Baby, es ist das schönste aller Babys…

Mein Blog – Das schönste aller Babys

Plötzlich war ich BlogvaterMan geht als stolzer Vater schlafen und wacht als solcher auf. Dass es die erste und die letzte Nacht als unbefangener Blogvater sein wird, konnte ich nicht wissen.

Computer an, Browser anwerfen und nach dem Baby sehen – es ist noch da – schön.

Mailfach kontrolliert, einer von den vielen, vielen Millionen Surfern muß doch den neuen Blog gesehen haben und sich dazu geäußert haben.

Immerhin ist es das schönste aller schönen Babys. Nix, das Mailfach schweigt. Ich könnte mir ja selbst eine Testmail schicken, vielleicht ist das Mailfach kaputt. Testmail funktioniert.

Die Idee, ein Statistiktool muß her. Vielleicht schauen ja viele und sind nur sprachlos über soviel schönes Baby. Das Statistiktool, sowas wie ein Babyphon, will gut gewählt sein.  Oha, Google gibt mir ganz viel Auswahl. Ganz viele Babyphones steht da zur Auswahl.

Habe mich für Piwik entschieden. Kommende Nacht schon etwas unruhiger geschlafen, auf der Statistik war nur ich zu sehen und meine Schwester, der ich eine Mail geschrieben habe.

Gut dass ich Urlaub habe, ich sehe zerknirscht aus. Die Statistik wirft einen Besucher aus – ich selbst. Irgendwie aufregender und umtriebiger hatte ich mir das Vaterdasein schon vorgestellt.

Ein zweiter Artikel muß her, es ist Weihnachtszeit. Ich könnte ja der Welt ein schönes Weihnachtsfest wünschen und zugleich mein Lieblingsonlinespiel zu Weihnachten vorstellen. Heissa, das brachte zwei Besucher, meine Schwester und meinen Bruder und mich selbst, also 3 Besucher. Der Statistikbalken drohte durch die Decke zu knallen, ein schönes Gefühl.

So ein Balken ist wunderbar für den Selbstbetrug geeignet. Er wird dann entlarvt, wenn Schwester und Bruder keine Zeit mehr haben.

Ich habe immer noch Urlaub, der Bart pikst und ich sollte endlich mal duschen gehen, doch das Leben als Blogvater ist zeitaufwendig. Vor allem wenn man Google anwirft und Suchbegriffe wie „Internetseite bekanntheit wordpress besucherzahlen“ eingibt. Zunächst wurde mir bewußt, dass ich einen Blog habe und keine Internetseite. Naja, eigentlich egal, es ist immer noch schön mein Internetbaby.

Ich stolperte von einem Artikel zum anderen, wurde von einem Erziehungstipp zum nächsten gereicht, jeder weiß wie man mit Blogs umgeht. Um bei Baby zu bleiben, jeder hat seine Spezialnahrung auch SEO, Suchindex, Admintools, Backlinks oder auch Sichtbarkeit im Netz um nur einiges zu nennen.

Mich beschleicht das Gefühl, dass das mehr als eine Kanne Kaffee kosten wird um zu verstehen, was mir all die anderen Blogeltern mitteilen wollen.

Es folgte eine Nacht und ein Erwachen, das mich gewahr werden ließ, dass ich erst laufen lernen muß, sonst kann ich es meinem Kinde nicht beibringen.

Kaffeevorrat überprüft, nicht geduscht und vor den Computer. Ich bin ab heute Blogger und kein Internetseitenbesitzer – Rücken gerade – und eine kämpferische Mine aufsetzen. Bei dem Bart ist das kein Problem, ich gehe als locker als angehender Blogtaliban durch.

Das wird man sich doch aneignen können. Erstmal bei Google anmelden, feststellen, dass man mit und ohne www agieren kann, dass man eine sitemap braucht. Himmel nochmal – wieder gegoogelt, wieder eine Menge Erziehungstipps mit auf den Weg bekommen. Meine Lesezeichenleiste quillt über. Ich sehe noch Fetzen über Sicherheit und Adminhtaccessschutz, bevor ich doch noch losziehe um Kaffee zu besorgen.

Das tippen auf der Schulter an der Supermarktkasse ließ nichts gutes ahnen. „Wie siehst du denn aus? Letzte Nacht durchgemacht? Du kennst dich doch im Internet aus. Ich will eine eigene Seite erstellen. Was muß ich da machen?“

Soll ich ihm raten, sich keine Internetseite zuzulegen? Soll ich mein Dilemma offenbaren? Soll ich meinen Ruf als Internetkenner aufs Spiel setzen und mich outen? „Ist gerade schlecht, ich glaube ich werde krank“

Hastige Weihnachtsgrüße ausgetauscht und rasch nach Hause bevor ich meinen Faden verliere und das mühsam angelesene wieder aus meinem mobilen Speicher namens Hirn schwindet.

Endlich offenbart sich mir SEO – Search Engine Optimazion, auf deutsch Suchmaschinenoptimierung.

Ein großes Manko bei diesen Erziehungsratgebern ist das denglisch. Es scheint mir, viele wollen verschleiern was sie schreiben. So hangelt man sich von Ratgeber zur Suchmaschine zum Ratgeber und zurück. Irgendjemand muß mir doch klipp und klar sagen können, was SEO ist. Selbst Politiker reden klarer wenn es darum geht, eine Steuererhöhung als was Gutes zu verkaufen.

Eines war den vielen Ratgebern gemeinsam „content ist king“. Das muß wohl der Schlüssel sein, ich muß was schreiben. Doch zuerst muß ich Google sagen, dass ich was schreibe, nämlich durch eine robots und eine sitemap. Das mit oder ohne www ist auch noch so eine Sache. Dazu muß man ins böhmische Dorf htaccess und eine Umleitung schreiben.

Aus der geraden Haltung vor dem Computer ist in den letzten Tagen eher eine ungesunde Haltung geworden. Die schwere Last eines Vaters drückt auf den Schultern.

Es ist Weihnachtstag und ich fühle mich nicht besonders, die Lüge an der Supermarktkasse rächt sich. Der Bart pikst nicht mehr, dafür ist er inzwischen zu lang. Ich muß unbedingt etwas für mich tun, google nach „Gesundheit blogger“ und treffe auf ca. 4 Millionen Internetseiten.

Aus heutiger Sicht, 2,5 Jahre später, kann ich darüber nur schmunzeln, damals war ein Blog für mich absolutes Neuland. Es wird an keiner Stelle darauf hingewiesen was neben einer 5 Minuten Grundinstallation noch für die ersten Schritte notwendig ist.

Es wird in keinem Satz erwähnt, was noch sinnvoll wäre um ein Blogbaby zum Brabbeln und zum Laufen zu bringen. Nicht dass mir heute alles klar wäre, bei weitem nicht, aber es ist viel leichter.

Dennoch gab es in letzter Zeit wieder unruhige Nächte. Geld verdienen als Blogger ist mein Thema. Statt meine Lesezeichenleiste zu füttern, bekommt jetzt Speed Dial 2 für Chrome meine geballte Sammelwut von Infos zu spüren, Notizzettel mit Passwörtern und Stichpunkten für bezahlte Artikel nehmen mir die Sicht auf meinen Schreibtisch.

In einem war ich zumindest erfolgreich, ich habe einen Anlaufblog, der Rest aller Blogs ist nur dann dran, wenn mir Zeit bleibt. Davon bin ich aber weit weg, im Augenblick.

Ich glaube mein Blog ist in der Pubertät, das ist noch aufreibender als ein Baby. Das aber ist eine andere Geschichte.


Über den Autor: Roland Engert ist Blogger, schreibt sich die Finger auf crazy-crow.de wund und macht sich auf wutschreiber.de Luft. Mittlerweile sind seine Blogs aus den Gehversuchen heraus und begrüßen die Leserschaft durch schillernde und vor allem abwechlungsreiche Schreibereien.

1 Meinung

  1. Willi04-16-2012

    Dein Beitrag erinnert mich irgendwie an meine ersten Schritte 2005 was es das bloggen angeht. Das war eine schöne Zeit. All das neue und aufregende was auf einen zugekommen ist.